Geschichte Baden-Württembergs

"Südweststaat" Baden-Württemberg von 1952 bis zur Gegenwart

"Südweststaat" Baden-Württemberg von 1952 bis zur Gegenwart

Baden-Württemberg ist ein recht junges Bundesland. Es besteht erst seit 1952. Lange wußte man nicht, welchen Namen es bekommen sollte. Am Wappen haben wir gesehen, daß das Land aus mehreren geschichtlichen Bestandteilen hervorgegangen ist. Baden und Württemberg sind nicht die einzigen, wenn auch wohl die wichtigsten.

Vor der Gründung des Landes und vor der Namensgebung sprach man vorläufig vom Südweststaat. Der Gedanke, einen Südweststaat zu schaffen, hatte schon nach dem Ersten Weltkrieg manche Befürworter gefunden. Doch Baden, Hohenzollern und Württemberg blieben damals bestehen.
Erst die Folgen des Zweiten Weltkriegs, vor allem die Teilung der alten Länder durch die Zonengrenze, gaben Anlaß, nicht nur an die Wiederherstellung der Länder, sondern auch an eine Neuordnung zu denken. Einem Zusammenschluß der südwestdeutschen Länder standen zunächst die Grenzen der Besatzungszonen im Wege. Außerdem waren nicht in allen Teilen des Südwestens die Bürger in gleichem Maße an einem Südweststaat interessiert. Reinhold Maier, Ministerpräsident von Württemberg-Baden, und besonders Gebhard Müller, Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern, kämpften für den Zusammenschluß der Länder. Ihr schärfster Widersacher war der (süd-)badische Staatspräsident Leo Wohleb, der zusammen mit einer Mehrheit der Bevölkerung des alten Landes Baden dessen Wiederherstellung anstrebte. Nach jahrelangen Vorbereitungen und Verhandlungen ergab die Volksabstimmung vom 9. Dezember 1951 eine Mehrheit (69,7%) für den Südweststaat. Die Mehrheit wurde dadurch erreicht, daß die Stimmen im ganzen Abstimmungsgebiet zusammengezählt wurden, nicht getrennt nach Baden und Württemberg. Am 25. April 1952 wurde eine vorläufige Regierung gebildet.
Die Gliederung des Südwestens vor und nach 1945 spiegelte sich wider in den vier Regierungsbezirken Nordbaden, Südbaden, Nordwürttemberg und Südwürttemberg-Hohenzollern. Die ehemals hohenzollerischen Kreise Hechingen und Sigmaringen behielten eine gewisse Sonderstellung.
Im neuen Land Baden-Württemberg standen Landtag und Regierung vor der Aufgabe, die verschiedenen Teile des Landes zusammenzuführen. Die Regierungsverantwortung trugen hauptsächlich die CDU, die SPD und die FDP, seit 1972 allein die CDU. 1988 sind im Landtag vertreten CDU, SPD, FDP und Grüne. Viele Gesetze mußten geändert und neu erarbeitet werden. Man bemühte sich vor allem darum, daß alle Regionen möglichst gleichmäßig von den Vorteilen des größer gewordenen Landes profitierten. Wirtschaftlich schwächere Regionen wurden durch Sonderprogramme unterstützt (Schwarzwaldprogramm, Albprogramm).
Die Unterschiede zwischen Stadt und Land waren im Schulwesen besonders deutlich. Deshalb gehörte die Schul- und Bildungsreform zu den einschneidendsten Maßnahmen, die Parlament und Regierung in Angriff nahmen. Sie wurde erst möglich, nachdem 1967 in Südwürttemberg-Hohenzollern an die Stelle der katholischen oder evangelischen Bekenntnisschule die christliche Gemeinschaftsschule wie in den drei anderen Landesteilen getreten war.
Während in den größeren Städten nach Abschluß der Grundschule den Kindern von jeher alle Arten von weiterführenden Schulen zur Auswahl offen standen, hatten Kinder auf dem Land sehr oft kaum eine Möglichkeit, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen. Nicht selten mußten sie mit einer Dorfschule vorliebnehmen, in der Schüler der Jahrgangsstufen 1-8 in einer einzigen Klasse unterrichtet wurden ("Zwergschulen"). Um allen Kindern möglichst gleiche Chancen zu geben, wurden größere und damit leistungsfähigere Grund- und Hauptschulen (9 statt 8 Jahrgangsstufen) geschaffen und auch im ländlichen Raum mehr Realschulen und Gymnasien gegründet. Neuerdings werden Grundschulen in kleineren Gemeinden wieder eröffnet.
Etwa 20 Jahre nach der Entstehung des Landes wagte man sich an eine Gebietsreform. Kaum eine Gemeinde, kaum ein Landkreis und kein Regierungsbezirk blieb davon unberührt. Kleinere Gemeinden schlossen sich größeren an, aber auch große Dörfer und Städte wurden zusammengelegt. Im Fall von Villingen-Schwenningen kam es sogar zur Vereinigung von ehemals badischen und württembergischen Städten. Von 3350 Gemeinden blieben noch 1110 übrig. Da manche neuen Gemeinden sich künstlich geschaffene Namen zulegten, drohen alte Ortsnamen aus dem Bewußtsein der weiter entfernt Wohnenden zu verschwinden.
Schon in den 30er Jahren waren die Amtsbezirke (in Baden Bezirksämter, in Württemberg Oberämter) vergrößert und in Kreise umbenannt worden. Im Jahr 1973 wurden sie fast alle nochmals in der Fläche erweitert und in der Zahl vermindert. Aus 63 alten Landkreisen entstanden 35 neue. Daneben blieben 10 Stadtkreise bestehen. Nachdem heute niemand mehr zu Fuß gehen oder mit dem Pferdefuhrwerk fahren muß, wenn er die Amtsstadt erreichen möchte, können Kreise heute größer sein als früher.
Die Namen der neuen Regierungsbezirke knüpften nicht mehr an die alten Ländernamen an: Sie hießen jetzt Regierungsbezirk Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg und Tübingen. Der ehemals badische Kreis Tauberbischofsheim kam zu Stuttgart und erhielt zusammen mit dem ehemaligen Kreis Bad Mergentheim den Namen Main-Tauber-Kreis. Der Landkreis Überlingen fiel an den Regierungsbezirk Tübingen. Umgekehrt wurden die ehemals "württembergischen" Landkreise Calw, Freudenstadt, Horb, Rottweil und Tuttlingen den "badischen" Regierungsbezirken Karlsruhe und Freiburg zugeschlagen. Von Hohenzollern verschwanden die letzten Spuren. Zwischen Landkreis und Regierungsbezirk wurden Regionalverbände geschaffen, die für übergreifende Planungen zuständig sind.
Die Gebietsreform von 1973 erinnert lebhaft an die Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch war der Widerstand gegen die Auflösung historisch gewachsener Verbindungen geringer als 170 Jahre zuvor.


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