Geschichte Baden-Württembergs

Begeisterung, Ablehnung, Zwiespalt, Furcht
Unrecht und Alltag im Dritten Reich

"Sieg der nationalen Regierung" lautet die Schlagzeile einen Tag nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in der Süddeutschen Zeitung in Stuttgart. Der künftige Reichspropagandaminister Goebbels schreibt später zum 5. März: "Vor allem Süddeutschland hat sich an die Spitze des ganzen Wahlerfolges gestellt." Von 2 925 218 Stimmen fielen in Baden und in Württemberg 1 275 039 (fast 42%) den Nationalsozialisten zu. Mit verbündeten Parteien zusammen besaßen die Nazis die Mehrheit im Reichstag.

"Sonntagsausflug auf den Heuberg" hieß am 16.7. 1933 eine Zeitungsüberschrift: Der Botnanger Arbeitergesangverein "Freiheit", der mit 116 Personen in vier Omnibussen einen Sommerausflug machen wollte, wird von der Polizei angehalten und überprüft. Die aktiven Teilnehmer werden in das Konzentrationslager auf dem Heuberg gebracht; Frauen, Kinder und Gäste werden freigelassen.

Widerstand im Verborgenen. Obwohl alle Parteien außer der NSDAP sich aufgelöst hatten oder verboten worden waren, gab es auch nach 1933 aktive Anhänger der alten Parteien. Aus einem Bericht des Geheimen Staatspolizeiamts Karlsruhe vom 30. 6. 1936, in dem es vor allem um die Belohnung erfolgreicher Polizeibeamter ging: "Bei der Überwachung und Bekämpfung der Feinde dies nationalsozialistischen Staates im Lande Baden konnte schon bald festgestellt werden, daß mit dem Verbot und der Zerschlagung der kommunistischen und marxistischen Parteiorganisationen keineswegs ein restloser Stillstand in der Tätigkeit dieser Bewegungen eingetreten war." ..."In Mannheim gelang es den Kriminalbeamten F. und M.. ebenfalls eine neu aufgebaute illegale Organisation der SPD aufzudecken und insgesamt 62 Personen in Mannheim und Umgebung festzunehmen und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zur Anzeige zu bringen." ..."So wie in Waldshut und in Mannheim gelang es den Kriminalbeamten T. und R. in Freiburg, die dortige illegale SPD aufzudecken und insgesamt 29 Personen wegen Vorbereitung zum Hochverrat zur Anzeige zu bringen." (Verfolgung und Widerstand unter dem Nationalsozialismus in Baden, bearb. von Jörg Schadt, herausg. Stadtarchiv Mannheim, Kohlhammer, Stuttgart 1976, S. 193)

Zustimmung und Begeisterung waren zunächst weit stärker als Ablehnung und Widerstand. Über einen Besuch Hitlers in Stuttgart finden sich in dem Heimatbuch "Unser schönes Stuttgart" (2. Auflage 1938) Auszüge aus einem Schüleraufsatz: "Endlich, endlich wurde das befreiende Wort gesprochen: Die Klasse marschiert jetzt zum Viktoria-Hospiz (Hotel)! ...Viele Schulen waren schon dort. Alle Fenster waren besetzt. ... Wir unten aber wurden reichlich gedrückt und hin und her geschubst. Einige Buben riefen im Chor: 'Lieber Führer, sei so nett, zeig dich doch am Fensterbrett!' ... 'Führer, gabst uns Wehr und Rüstung, zeig dich an der Fensterbrüstung!' ... Wir hatten Erfolg, denn der Führer zeigte sich mehrere Male am Fenster. Jedesmal wurde er mit großem Jubel empfangen, und Schutzleute (Polizisten) und SS-Männer hatten die größte Mühe, die Menschen zurückzuhalten." Was war geschehen? Hitler hatte wieder die allgemeine Wehrpflicht eingeführt (1935).
Ein Jahr später war besonders in Baden die Freude groß, als wieder deutsche Soldaten in die Kasernen einrückten. Im Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg war festgelegt worden, daß in einem Gebiet 50 km östlich des Rheins keine Truppen stationiert sein durften. Dazu gehörte der größte Teil von Baden.

Nicht nur Jugendliche ließen sich beeindrucken. Ein hoher Beamter, der fast 50 Jahre dem Land Württemberg gedient hatte, schreibt in seinen Lebenserinnerungen 1937: "Nun sind die drei Jahre vergangen, der Frühling 1936 ist ins Land gezogen, und der Retter ist doch gekommen. Er ist da, er hat alles wahr gemacht, und wir alle sind des Zeuge geworden. Die Arbeitslosigkeit hat ihr drohendes Gesicht verloren, Deutschland ist ein fest geschlossener Einheitsstaat geworden, alle Macht und Gewalt ist in der Hand des Führers vereinigt, sein gewaltiger Wille kann ohne alle die hundert Hemmungen, Kämpfe und 'Kompromisse' früherer Zeiten das durchführen, was ihm zum Wiederaufbau Deutschlands notwendig erscheint. ... Wer muß da nicht aufrichtig gestehen: Es ist ein Wunder geschehen; es ist uns ein Mann geschenkt worden, der ganz allein mit seinen ureigenen Gedanken, mit seiner unglaublichen Willensstärke, mit seiner entflammenden und mitreißenden Gewalt über Geister und Herzen der 'müden Hoffnungslosigkeit' mitten ins Herz stieß und das Wunder vollbrachte ... Und nicht weniger ergriffen bin ich in Versammlungen von Frauen Zeuge gewesen, wie die Bauersfrau und unsere Königstochter, die Beamtenfrau und das Nähmädchen dankerfüllt in dem Gelöbnis sich verbanden, von nun an nur nach seinem, des Führers, Willen, und in seinem Geiste zu sorgen und zu schaffen ..."
So schreibt der 'Wirkliche Staatsrat und Major der Landwehr a. D.' Dr. Leopold Hegelmaier 1937 in seinen Lebenserinnerungen (Beamter und Soldat, Bonz, Stuttgart 1937. S. 295f.). Hegelmaier starb im gleichen Jahr. Was hätte er wohl zu den Ausschreitungen gegen die Juden ein Jahr später gesagt?

Die Synagogen brennen. Am 10. November 1938 wurden überall in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser, die Synagogen, von SA-Leuten und ihren Helfern angezündet. So auch in dem badischen Dorf Gailingen am Hochrhein. Alle jüdischen Einwohner wurden in einer Turnhalle zusammengetrieben und mußten dann zu der abgebrannten Synagoge marschieren. Die Frau des Rabbiners berichtet aus der Erinnerung: "Als wir uns der Synagoge näherten, sahen wir eine Unmenge SA-Leute. Eine Todesahnung ging durch den Zug. Man sah die SA Zündschnüre hin- und hertragen, hörte das Wort Dynamit, ob in Phantasie oder Wirklichkeit, weiß ich nicht. ... Mir war es klar, daß man uns in die Synagoge führen und dann alles mit allem in die Luft sprengen wird. Unmittelbar vor der Synagoge hieß man uns stillstehen, und in dem Augenblick erfolgte eine kolossale Detonation. Die nach dem Garten gerichtete Wand unserer lieben, alten Synagoge stürzte ein, einen Teil der Vorderfront mitreißend und das Innere der Synagoge vollkommen zerstörend. Wir alle zitterten wie Espenlaub. Die Kinder waren kaum zu beruhigen."
Der Rabbiner starb Ende 1938 im KZ Dachau, seine Frau konnte 1939 mit sieben unmündigen Kindern noch nach Israel auswandern. Die Juden, die nicht auswanderten, wurden 1940 von der SS abtransportiert und in Konzentrationslagern ermordet. (Eckhardt Friedrich und Dagmar Schmieder-Friedrich, Die Gailinger Juden, Arbeitskreis für Regionalgeschichte e.V., Konstanz 1981, S. 103f.)

Nur wenige wagten ein Wort des Protests. Zu ihnen gehörte der Oberlenninger Pfarrer Julius von Jan, der am 16. November 1938 wenige Tage nach dem Brand der Synagogen in seiner Bußtagspredigt sagte: "... Wo ist in Deutschland der Prophet, der in des Königs Haus geschickt wird, um des Herrn Wort zu sagen? ... Gott hat uns solche Männer gesandt! Sie sind heute im Konzentrationslager oder mundtot gemacht. ... Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote Gottes mißachtet, Gotteshäuser, die andern heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört, Männer, die unsrem deutschen Volk treu gedient haben und ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt haben, wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten! ..." (Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz, Calwer Verlag, Stuttgart 1981, S. 128)
Die Antwort waren Hetzplakate der SA ("Judenknecht"), Mißhandlungen, Gefängnis und Landesverweisung.

Die Erfolge Hitlers vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ließen jedoch die Kritik weithin verstummen. Es gab nur wenige Ausnahmen.
"Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution verschlechtert. So zum Beispiel habe ich festgestellt, daß die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden. ... Ferner steht die Arbeiterschaft ... unter einem gewissen Zwang. Der Arbeiter kann zum Beispiel seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln, wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder, und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen. ... Ich habe noch im Lauf dieser Zeit festgestellt, daß deswegen die Arbeiterschaft gegen das Regime eine 'Wut' hat ..." (Joh. Georg Elser, Autobiographie eines Attentäters, herausg. Lothar Gruchmann, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1970, S. 80f.)
Diese einfachen Worte gab ein Arbeiter, der Schreiner Johann Georg Elser aus Hermaringen bei Heidenheim, Ende 1939 zu Protokoll. Es waren nicht nur Worte. Er hatte ohne jegliche Unterstützung durch andere (oder durch Gruppen) am 8. November 1939 versucht, im Bürgerbräukeller in München Hitler durch einen Sprengstoffanschlag zu töten. Das Attentat mißlang, doch steht er in der Erinnerung neben den Geschwistern Scholl und Graf Stauffenberg.

Der württembergische Landesbischof Wurm schreibt am 19. 7. 1940 an den Reichsinnenminister: "Sehr geehrter Herr Reichsminister! Seit einigen Monaten werden ... geisteskranke, schwachsinnige oder epileptische Pfleglinge staatlicher und privater Heilanstalten in eine andere Anstalt verbracht. Die Angehörigen werden ... erst nachträglich von der Überführung benachrichtigt. Meist erhalten sie erst wenige Wochen später die Mitteilung, daß der betreffende Pflegling einer Krankheit erlegen sei und daß aus seuchenpolizeilichen Gründen die Einäscherung hätte stattfinden müssen. Nach oberflächlichen Schätzungen dürften es schon mehrere Hundert Anstaltspfleglinge aus Württemberg sein, die auf diese Weise den Tod gefunden haben ...
... Entweder erkennt auch der nationalsozialistische Staat die Grenzen an, die ihm von Gott gesetzt sind, oder er begünstigt einen Sittenverfall, der auch den Verfall des Staates notwendig nach sich ziehen würde." (Evang. Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz, Calwer Verlag, Stuttgart 1981,S. 141f.)
Die katholischen Bischöfe äußerten sich ähnlich. Die Aktion - man sprach von Euthanasie (griech. "leichtes Sterben") - wurde abgebrochen wegen des öffentlichen Aufsehens. In Grafeneck waren 10654 Menschen getötet worden.

Die innere Einstellung der Menschen und der Zwiespalt der Hinterbliebenen der gefallenen Soldaten ist an den Todesanzeigen abzulesen:
"... Mein einziger, geliebter Sohn ... hat in freudigem Einsatz für seinen geliebten Führer, für Volk und Heimat im Kampf gegen den Bolschewismus sein junges Leben hingegeben..." (1943).
"Nach Gottes heiligem Willen gab ... im Osten sein Leben für Heimat und Vaterland" (1944).
Volk, Heimat und Vaterland waren Begriffe und Werte, die auch nach 1933 Anhänger und Gegner der NS-Herrschaft aus althergebrachtem Pflichtgefühl lange miteinander verbanden.

Öffentliche Kritik an der Regierung war seit 1933 unmöglich. Um so mehr wurden im kleinen Kreis Gerüchte und abfällige Äußerungen weitergegeben. Oft konnte man hören: "Sei vorsichtig, sonst kommst Du nach Dachau!"
Als der Niedergang, das schlimme Ende immer offensichtlicher wurde, kam es vor, daß einzelne Bürger sich nicht mehr beherrschten. Der Oberlandesgerichtspräsident in Karlsruhe berichtet am 2. Januar 1945 an den Reichsjustizminister: "Der Gattin des ... ist folgendes zugestoßen: Sie stand in einem der bekanntesten Metzgereigeschäfte Karlsruhes inmitten einer dicht gedrängten Schar von Käufern, wohl meist Frauen. Hinter ihr trat jemand neu hinzu und grüßte mit "Heil Hitler!". Das Wort war kaum gefallen, als ein Mann, offenbar in der Meinung, der Hitlergruß sei von der neben ihm stehenden Frau ... gebraucht worden, auf sie zutrat, sie an den Haaren faßte und laut schrie: "So auch noch, dieser Schuft und Kriegsverbrecher gehört aufgehängt und Sie daneben, an einen Balken gehören sie gehängt und Feuer darunter gemacht, aber so, daß sie langsam verbrennen." Kein Mensch im Laden bemerkte ein Wort dazu oder machte Miene, ihr zu Hilfe zu kommen. So geschehen in der gutbürgerlichen Beamtenstadt Karlsruhe. ... (Der deutsche Südwesten zur Stunde Null, bearbeitet von Hansmartin Schwarzmaier, Generallandesarchiv Karlsruhe, 1975, S. 41)


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