Geschichte Baden-Württembergs

Juden in Buttenhausen

Wenn die steinernen Mahnmale nicht wären, wäre Buttenhausen ein Dorf auf der Schwäbischen Alb wie viele andere auch. Allerhöchstens könnte sich ein historisch Interessierter daran erinnern, daß am 20. September 1875 in Buttenhausen Matthias Erzberger als Sohn eines Schneidermeisters geboren wurde und dort in einem streng katholischen Elternhaus aufwuchs. Erzberger war zu Beginn der Weimarer Republik Reichsfinanzminister. Er wurde 1921 während eines Erholungsaufenthaltes in Bad Peterstal im Schwarzwald ermordet.
Mitten im Ort stehen drei grob behauene Steinsäulen. Auf der mittleren steht geschrieben: Den Brüdern und Schwestern der jüdischen Gemeinde Buttenhausen, die als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung ihr Leben lassen mußten. 1933-1945. Links und rechts sind auf den beiden anderen Säulen die Namen der jüdischen Familien festgehalten, die seit Jahrhunderten bis 1943 in Buttenhausen gelebt hatten.
Wenige Meter entfernt steht das Rathaus, an dem zwischen dem ersten Stock und dem Erdgeschoß mit großen Buchstaben die Inschrift "Bernheimer'sche Realschule" angebracht ist.
Schließlich stehen oberhalb des Ortes im jüdischen Friedhof in mehreren Reihen weit über 100 steinerne Grabmäler mit hebräischen und deutschen Inschriften.
Diese steinernen Zeugen erinnern daran, daß in diesem Dorf Buttenhausen Juden und Christen eng zusammenlebten und daß im vorigen Jahrhundert für ein paar Jahrzehnte hier so viele Juden wie Christen gelebt hatten. Der einzige Unterschied war nur: die einen gingen in die evangelische Kirche, die anderen in die Synagoge; die einen hatten am Sonntag ihren Feiertag, die anderen am Freitagabend und Samstag.
Weniger aus wohltätigen, vielmehr aus finanziellen Gründen hat Freiherr Philipp Friedrich von Liebenstein im Jahre 1787 in dem reichsritterschaftlichen Dorf Buttenhausen jüdische Familien angesiedelt. Er erhoffte sich von den Juden eine wirtschaftliche Belebung seines Dorfes. In einem Schutzbrief wurden den Juden eine Reihe von Rechten eingeräumt:
- Sie durften "alle im Reiche erlaubten Commercia" (Handelsgeschäfte) verrichten;
- sie erhielten kostenlos die Plätze für ihre Häuser;
- sie waren frei von Frondiensten;
- sie erhielten einen eigenen Begräbnisplatz.
Dafür mußte jede Familie jährlich ein Schutzgeld von 12 Gulden an den Grundherrn bezahlen. Recht phantasievoll und genau geregelt waren weitere Abgaben an den Freiherrn. Bei der Beerdigung einer verheirateten Person z.B. mußten ihm beispielsweise 2 Gulden, bei Unverheirateten 1 Gulden abgetreten werden. Die Juden bezahlten auf diese Weise die größten Steuersummen in Buttenhausen. 1870 verzeichnen die Einwohnerlisten 442 jüdische Personen bei einer Gesamteinwohnerzahl von 800. In 46 von 100 Häusern wohnten Juden. Es gab eine Synagoge, ein Rabbinatsgebäude, ein jüdisches Armenhaus und ein Bad. 1902 ließ die nach München verzogene Familie Bernheimer eine vierklassige Realschule bauen und versah sie mit einer Stiftung. Damit konnten Kinder aus Buttenhausen ohne Rücksicht auf ihre Konfession unentgeltlich eine Realschule besuchen. Während der Inflationszeit in den 20er Jahren wurde das Stiftungskapital wertlos, so daß die Schule schließen mußte. Nur die Inschrift erinnert heute noch an diese Einrichtung.
Jüdische Bürger aus Buttenhausen richteten eine Gemeindebibliothek ein, bauten für das ganze Dorf eine "Kleinkinderschule", spendeten Beiträge für die Dorfbeleuchtung und stifteten die Uhr der Dorfkirche.
Das Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Einwohnern blieb bis 1933 unverändert gut. Die Juden nahmen regen Anteil am Gemeindeleben. Immer saßen einer oder mehrere jüdische Einwohner mit im Gemeinderat.
Die nationalsozialistische Herrschaft zerstörte das friedliche Nebeneinander. Einigen jüdischen Familien gelang es in die Schweiz oder in die Vereinigten Staaten von Amerika auszuwandern. Beim ersten Brandanschlag auf die Synagoge in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 trat der christliche Bürgermeister Hirrle den Brandstiftern mit einer Pistole entgegen. Die örtliche Feuerwehr konnte den bereits gelegten Brand im Keime ersticken. Wertvolle Kultgegenstände wurden so in Sicherheit gebracht. Am Vormittag des 10. November tauchten erneut SA-Leute in Buttenhausen auf, setzten den Bürgermeister auf dem Rathaus fest, zündeten die Synagoge an und verhinderten jeden Löschversuch. 1939 wurde die jüdische Gemeinde aufgelöst. Die von anderen Orten zugewiesenen Juden, zum Beispiel aus einem Altersheim in Heilbronn, mußten Buttenhausen 1941 wieder verlassen.
Mit bewundernswertem Bürgersinn hat ein Einwohner von Buttenhausen, der im landwirtschaftlichen Betrieb des Altenheims tätige Walter Ott, sich der Pflege der jüdischen Tradition in Buttenhausen angenommen. Abend für Abend, wochenlang, hat er vor den Grabsteinen des Friedhofes gekniet und in schwarzer oder auch goldener Farbe die hebräischen Schriftzüge nachgezogen und angemalt. Nie wäre Walter Ott auf die Idee gekommen, sich um den verlassenen Friedhof zu kümmern, wenn er nicht eines Tages auf dem Dachboden eines Hauses Gemeindeakten über die Juden gefunden hätte: Steuerbescheide, Baugenehmigungen, Heirats- und Todesmeldungen. Heute organisiert Walter Ott Ausstellungen im Dorf, diskutiert mit Jugendlichen und Besuchern des Friedhofes und stellte eine Dokumentation über die Deportation von Juden aus Buttenhausen zusammen. Auf die Frage, warum es diese Mühe auf sich nehme, antwortete er vor einigen Jahren einem Reporter: "Sie waren doch Bürger von Buttenhausen und haben aus Buttenhausen das gemacht, was es heute ist."
Gelegentlich besuchen Juden aus aller Welt den wieder hergerichteten Friedhof in Buttenhausen, um die Grabstätten ihrer Vorfahren aufzusuchen. 1985 kam eine 85jährige Jüdin aus Florida nach Buttenhausen, an ihren Geburtsort, den sie 1937 noch verlassen hatte. Gefragt, ob sie hier oder in Deutschland wieder leben wolle, antwortete sie ohne zu zögern: Nein, nicht als Jude!


Home Top Mail me!
© 04/1999 by Mike Pantel