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Der tiefste Einschnitt in der Geschichte des deutschen Südwestens waren
die Jahre zwischen 1802 und 1815. Viele selbständig Regierende verloren
ihre Macht und mußten sich mit einer bescheideneren Stellung begnügen.
Den Adligen blieben ihre Privatgüter. Mönche und Nonnen wurden mit einer
Pension in den Ruhestand verabschiedet. Auch für die Untertanen veränderte
sich die Welt. Viele erhielten einen neuen Herrn. Selbst wenn sie schon
bisher badische oder württembergische Untertanen gewesen waren, lebten
sie nach 1803 in einem andersartigen Staat, auf jeden Fall in einem größeren
Staat als bisher.
Die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Auch die alte, von den Staufern
im 12. Jahrhundert gegründete Stadt Schwäbisch Gmünd, später freie Reichsstadt,
blieb von dem Umbruch nicht verschont. Mediatisierung und Säkularisation
griffen tief in das Leben der Stadt ein. Beide Maßnahmen sollten - nach
Iängerer Vorbereitung - im Februar und April 1803 genehmigt und bestätigt
und dann durchgeführt werden. Dem Herzog von Württemberg waren neben Gmünd
die Reichsstädte Aalen, Esslingen, Giengen, Hall, Heilbronn, Reutlingen,
Rottweil und Weil der Stadt zugedacht. Der neue Herr wollte aber nicht
so lange auf seine Beute warten. Schon am 6. September 1802 erschien ein
württembergischer Beamter und kündigte die vorläufige militärische Besetzung
an. Es wäre nicht nötig gewesen, am 9. September eine Truppe von 260 Mann
zu schicken. Widerstand gab es nicht. Die Stadtsoldaten wurden einfach
entlassen.
Die eigentliche Besitzergreifung fand am 27. November statt. "Wir, Friderich
der Zweite, von Gottes Gnaden Herzog von Württemberg und Teck..., entbieten
den Bürgermeistern und Magistrat, den geistlichen und weltlichen Beamten
und Dienern sowie den sämtlichen Bürgern, Einwohnern und Untertanen der
Reichsstadt Gmünd und des dazu gehörigen Gebiets Unsere herzogliche Gnade
und alles Gute ...", so beginnt das "Besitzergreifungspatent". Herzog
Friedrich fordert Gehorsam und verspricht, "das Wohl und die Glückseligkeit
UNSERER neuen Untertanen nach allem Vermögen landesväterlich zu befördern
und zu vermehren". Nach kurzem Zögern leisten die Mitglieder des Rats
und die städtischen Beamten Gehorsam. An Gehorsam hatte es schon vorher
nicht gefehlt. Am 6. November "wurde hier das hohe Geburtsfest Seiner
Herzoglichen Durchlaucht auf eine feierliche Art begangen". (Geschichte
der Stadt Schwäbisch Gmünd, herausgegeben Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd,
S. 297 und 308)
Als äußeres Zeichen der Besitznahme wurden an den öffentlichen Gebäuden
die Hoheitszeichen der Reichsstadt Gmünd - Reichsadler und Einhorn - weggerissen
und durch das württembergische Wappen ersetzt. "Nicht einmal in den Kirchen
duldete man das alte Wappen"
Die Stadt durfte sich statt Schwäbisch Gmünd nur noch Gmünd nennen, denn
sie war nicht mehr gleichberechtigtes Glied des schwäbischen Kreises,
sondern eine württembergische Landstadt unter vielen anderen. Immerhin
wurde Gmünd bald Sitz eines der 64 Oberämter. Ein Gmünder Chronist schreibt
zu diesen Ereignissen: "Vom 18. November bis hierher haben wir alle unsere
Freiheiten verloren, was haben wir davor, was sind wir, Untertanen, Sklaven.
Unsere Stadtfreiheiten von so vielen Kaisern, Königen sind und gelten
nichts mehr." (ebd. S. 306) Diese verlorenen Freiheiten waren nur einem
kleinen Kreis der reichen und im Rat vertretenen Bürgern zugute gekommen,
nicht der Mehrzahl der Stadtbürger und schon gar nicht den bäuerlichen
Untertanen in den Gmünder Dörfern. Sie konnten unter württembergischer
Herrschaft etwas mehr Gerechtigkeit erhoffen. Den bisher bevorrechtigten
Bürgern gefiel es deshalb gar nicht, daß sie wie die Bauern zu Botengängen
und Jagddiensten herangezogen wurden.
Schwäbisch Gmünd war eine angesehene Handels- und Handwerkerstadt gewesen.
Kurfürst Friedrich konnte "reiche Beute" erwarten. Bald stellte es sich
jedoch heraus, daß die bisherigen Stadtherren ihre Pflichten nicht mehr
sehr ernst genommen hatten. Die Überprüfung der Finanzen ergab, daß die
Stadt mit über einer Million Gulden verschuldet war und daß die Kassen
seit Jahren nicht mehr geprüft worden waren.
Die sechs Klöster in Gmünd waren nicht zu vergleichen mit den großen Abteien
in Oberschwaben und im Schwarzwald. Sie verfügten nicht über nennenswerte
eigene Herrschaftsgebiete. Sie waren auch nicht so selbständig, sondern
standen unter dem Schutz der Reichsstadt. Sie waren eng mit dem Leben
der Stadt verbunden.
Innerhalb der Stadtmauern lebten die Augustiner-Eremiten, die Dominikaner,
die Franziskaner, die Kapuziner und die Franziskanerinnen. Vor der Stadt
lag das Dominikanerinnenkloster Gotteszell. Gleich bei der Besitzergreifung
der Stadt wurde die Schließung und Enteignung der Klöster angekündigt.
Was bedeutete die Säkularisation im einzelnen? Vier Klöster mußten bis
spätestens Februar 1803 geräumt werden. Überall hörte das klösterliche
Leben in der bisherigen Form auf. Nur die Franziskaner und Kapuziner durften
wenigstens in ihren Häusern bleiben. Alle Nonnen und Mönche erhielten
bescheidene Pensionen. Wenn sie nicht weiter als Priester oder Lehrer
und Lehrerinnen tätig sein oder in einer Gemeinschaft leben wollten, konnten
sie sich auch persönlich säkularisieren lassen, fortan also als gewöhnliche
Bürger leben. Über die Dominikaner erzählt der Gmünder Geschichtsschreiber
Michael Grimm: "Die Patres weinten bei ihrem Auszuge bitterlich, die ganze
Bürgerschaft weinte ob des traurigen Auftritts mit ihnen. Ihre gewöhnliche
1/2 10 Uhr Messe durfte zuvor noch gelesen werden; es war ein trauriger
Gottesdienst." (Michael Grimm, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Gmünd,
1866, S. 265)
Am meisten hatten es die neuen Machthaber auf Wertgegenstände abgesehen.
Bücher und alte Handschriften kamen in die herzogliche Bibliothek nach
Stuttgart. Kirchengeräte aus Edelmetall waren abzuliefern, wurden nach
Ludwigsburg gebracht und dort eingeschmolzen. Die Empörung über diese
Barbarei wirkte lange nach.
Auch die Gebäude wurden einer "zweckmäßigen" Verwendung zugeführt. Im
Franziskanerkloster war bis 1965 eine Schule untergebracht. Über das Dominikanerkloster
heißt es: "Das Kloster selbst wurde zu einer Kaserne eingerichtet und
die herrliche Klosterkirche zuerst als Holzremise und nachher als Pferdestall
benützt." (ebd. S. 266) Heute befindet sich im "Prediger" ein vorbildliches
Stadtmuseum. Im Dominikanerinnenkloster Gotteszell ist seit 1808 ein Landesgefängnis
untergebracht. Das anschließende Tal heißt nach dem Übungsplatz der württembergischen
Artillerie "Schießtal".
Württembergische Beamte und Soldaten waren die ersten Protestanten in
der vorher rein katholischen Stadt. Für den Gottesdienst stellte man ihnen
die Kirche des Augustinerklosters zur Verfügung. Im Jahr 1900 zählte man
schon 5889 Evangelische neben 12712 Katholiken. Die neue Herrschaft wollte
keineswegs den katholischen Glauben bekämpfen. Die Aufhebung von Klöstern
war schon lange erwogen worden und sogar in den katholisch gebliebenen
österreichischen Ländern bereits 20 Jahre vorher zum Teil durchgeführt
worden. Selbst der Gmünder Chronist schreibt zur Säkularisation: "...
wer weiß, was mit der Zeit aus den Klöstern gemacht wird, ich wette, daß
daraus mehr Vorteil der ganzen Bürgerschaft verschafft wird, als der Schaden
war, und man da sagen wird, o wären die Klöster doch schon etlich 100
Jahre abgeschafft worden, was wäre Gmünd für ein Ort!" (Geschichte der
Stadt Schwäbisch Gmünd, S. 316)
Das Fürstentum Leiningen. Ein
großer Teil der säkularisierten geistlichen Herrschaften und der mediatisierten
weltlichen Herrschaften fiel 1802/03 unmittelbar an die "großen" Nachbarn
Baden und Württemberg. Ein anderer Teil wurde Fürsten zugesprochen, die
bis dahin überhaupt keine Herrschaften im Südwesten besessen hatten.
So wurde für die Fürsten von Leiningen, die ihre linksrheinischen Besitzungen
in der Pfalz verloren hatten, eine Herrschaft neu zusammengestellt. Ihre
Teile hatten vorher folgenden Herren gehört:
Das Kloster Amorbach, die Amtsbezirke (Tauber-)Bischofsheim und Miltenberg
gehörten dem Erzbischof von Mainz, die Amtsbezirke Grünsfeld, Hardheim,
Lauda, Rippberg und Gerlachsheim gehörten dem Bischof von Würzburg, und
die Amtsbezirke Boxberg und Mosbach gehörten dem Kurfürst
von der Pfalz.
Die Fürsten von Leiningen bauten eine neue Verwaltung auf und regierten
ihr Reichsfürstentum von der Residenz Amorbach aus. Ihre Selbständigkeit
währte freilich nicht lange. 1806 fiel die Oberhoheit größtenteils an
den Großherzog von Baden, der Rest an Hessen und Bayern. Immerhin durften
die Fürsten als sogenannte Standesherren ihre eigenen Bezirksämter und
Gerichte (bis zur Revolution von 1848/49) behalten. Nach dem Verlust der
Regierungsrechte verblieben ihnen noch beträchtliche Besitzungen als Privatgüter,
die heute vor allem aus Wald bestehen. Der Nordostzipfel des Großherzogtums
Baden war ganz aus ehemaligen Standesherrschaften zusammengesetzt.
Ein vergleichbares Beispiel aus dem württembergischen Oberschwaben sind
die Fürsten von Thurn und Taxis, denen Kloster Marchtal sowie Stadt und
Stift Buchau zugewiesen wurden. Der einzige Unterschied besteht darin,
daß die Thurn und Taxis schon vor 1802 in derselben Gegend die kleine
Herrschaft Bussen erworben hatten - allerdings unter österreichischer
Oberhoheit.
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