Geschichte Baden-Württembergs

Südwestdeutschland bis 1918
(Karte: Stand 1. Hälfte 19. Jahrhundert)

Südwestdeutschland bis 1918

In den Kriegen nach der Französischen Revolution 1789 stieg Napoleon. Kaiser der Franzosen, zum Herrn des europäischen Festlandes auf. Ein bleibendes Ergebnis seiner Politik war die Neuordnung der südwestdeutschen Staatenwelt.

Die ersten Opfer waren die geistlichen Territorien. Schon seit längerer Zeit hatte man es als unzeitgemäß empfunden, daß Bischöfe und Äbte neben ihren kirchlichen Aufgaben auch als Landesherren tätig waren. Ihre Herrschaften wurden 1802/03 säkularisiert, d.h. in weltliche Herrschaften verwandelt und zugleich Fürsten übereignet, die für Gebietsverluste links des Rheins zu entschädigen waren.
Die Gebiete der Grafen und Fürsten, die bisher unmittelbar (im-mediat) unter dem Kaiser standen, wurden mediatisiert. Sie unterstanden nur noch mittelbar (mediat) dem Kaiser, "unmittelbar" einem mächtigeren Landesherrn. Folgende Staaten von Napoleons Gnaden blieben nach dieser Flurbereinigung in Südwestdeutschland übrig:
Die Markgrafschaft Baden erhielt 1803 zunächst den Rang eines Kurfürstentums, 1806 den eines Großherzogtums. Der badischen Herrscherfamilie fiel ein seltsames Gebilde zu, das vom Main bis an den Bodensee reichte. Die einzige natürliche Grenze war die Rheingrenze.
Württemberg, ursprünglich Grafschaft, seit 1495 Herzogtum, stieg über das Kurfürstentum (1803) zum Königreich (1806) auf und erhielt damit die höchste Rangstufe. Doch auch seine Grenzen machen da und dort einen zufälligen Eindruck. Denn in seine Südflanke schoben sich ganz unnatürlich die hohenzollerischen Fürstentümer Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Hechingen, die ihre Selbständigkeit dank guter Beziehungen zu Napoleons Familie bewahren konnten. Das neue, stark vereinfachte Kartenbild blieb bis 1945 erhalten. Nur da und dort hielten sich Reste der früheren Zersplitterung. Die Württemberger wollten nicht auf den Hohentwiel verzichten, und selbst das kleine Hohenzollern behielt weit weg bei Lindau die Exklave Achberg. Ein Kuriosum war der Weiler Burgau bei Riedlingen. Dort gehörten (1928) 110,31 ha und 36 Einwohner zu Württemberg, 90,02 ha und 35 Einwohner zu Hohenzollern/Preußen. Und so blieb es bis 1968. Die ehemalige Reichsstadt Wimpfen wurde weder badisch noch württembergisch, sondern fiel an Hessen und gehörte bis 1945 zu diesem Nachbarland.
Anstelle der alten Territorien und Landschaften prägten jetzt immer stärker die neu entstandenen Staaten das Bewußtsein der Bevölkerung. Dazu trug auch bei, daß die evangelischen und katholischen Kirchen sich den neuen Grenzen anpaßten.
Die Grenzen von Baden, Württemberg und Hohenzollern blieben bis 1945 bestehen. Völlig selbständig waren diese südwestdeutschen Staaten nie:

1806 war der Preis für Napoleons Geschenke - zusammen mit anderen deutschen Staaten - der Beitritt zum Rheinbund, einem Bündnis gegen Preußen und Rußland.
1815 war Napoleon endgültig gescheitert. Dazu hatten durch einen Frontwechsel noch rechtzeitig auch badische und württembergische Truppen beigetragen. Anstelle des 1806 untergegangenen deutschen Reiches entstand der Deutsche Bund unter dem Vorsitz des österreichischen Kaisers. Baden, Württemberg und Hohenzollern waren selbständige Mitglieder dieses Bundes. In Baden und in Württemberg gab es in den Landtagen bereits ein gewisses Mitspracherecht der Bürger.
1848/49 erschütterte die Revolution in Frankreich und in Deutschland auch die süddeutschen Staaten, am meisten die hohenzollerischen Fürstentümer. Ihre Fürsten übergaben 1850 ihre Staaten an die urverwandte Herrscherfamilie in Preußen, die auch von den Grafen von Zollern abstammte. Der neue Regierungsbezirk Sigmaringen gehörte bis 1945 zur preußischen Rheinprovinz mit der Hauptstadt Koblenz.

1866 gerieten die süddeutschen Staaten in große Bedrängnis. Im Krieg zwischen Preußen und Österreich zerbrach der Deutsche Bund. Der erfolglose Kampf badischer und württembergischer Truppen gegen Preußen stand dem Anschluß an den Norddeutschen Bund nicht im Wege. Für ganz Süddeutschland fiel damit eine Entscheidung zwischen dem norddeutsch-preußischen und dem österreichischen Einfluß.
1871 traten nach dem Krieg mit Frankreich die deutschen Staaten ohne Österreich dem neuen Deutschen Reich bei. Die Bundesfürsten behielten ihre Titel, doch hatte der König von Preußen als Deutscher Kaiser und Oberbefehlshaber der Streitkräfte einen gewissen Vorrang. Von 1871 bis 1918 war Frankreich nicht mehr Grenznachbar. Elsaß-Lothringen war als Reichsland Teil des Deutschen Reiches.

1918 führte die Niederlage im Ersten Weltkrieg (1914-1918) zur Umgestaltung des Deutschen Reiches. Das Reich wurde eine Republik. So wie Kaiser Wilhelm II. in Berlin als Deutscher Kaiser und König von Preußen abdankte, dankten auch die süddeutschen Fürsten ab. Großherzog Friedrich II. von Baden nannte sich wieder Markgraf von Baden. Er starb 1929 in Badenweiler. König Wilhelm II. begnügte sich mit dem Titel Herzog von Württemberg und lebte fortan in seinem Jagdschloß Bebenhausen, wo er 1921 starb. Die bisherigen Staaten Baden und Württemberg wurden als "Länder" fester dem Deutschen Reich eingegliedert. Doch gab es nach wie vor Landtage und Landesregierungen, die über Landesangelegenheiten entschieden. Baden nannte sich "demokratische Republik", Württemberg "freier Volksstaat". Statt der Monarchen standen Staatspräsidenten an der Spitze. Sie wurden von den Landtagen gewählt, in Baden in jährlichem Wechsel, in Württemberg nach jeder Landtagswahl.


Home Top Mail me!
© 04/1999 by Mike Pantel