Geschichte Baden-Württembergs

Der deutsche Südwesten am Ende des 18. Jahrhunderts

Der deutsche Südwesten am Ende des 18. Jahrhunderts

Die Karte des alten Deutschen Reiches vor 1800 bietet ein buntes Bild, ein Bild der Zersplitterung. Es gab nur einige große mehr oder weniger einheitliche und geschlossene Territorien wie Brandenburg-Preußen, Kursachsen und Kurbayern. Ein Paradebeispiel für die Zersplitterung war der deutsche Südwesten. Es ist nicht möglich, alle rund 350 Territorien hier aufzuzählen und auf der Karte einzeln namhaft zu machen. Sie können nicht etwa mit heutigen Verwaltungsbezirken, Landkreisen oder Regierungsbezirken, verglichen werden. Nein, sie hatten einzeln oder in Gruppen den Rang eines heutigen Bundeslandes im großen Rahmen des Deutschen Reiches. Als Gegensatz zu einer solchen Zersplitterung konnte Frankreich gelten. Im Elsaß gab es zwar noch ein paar Einsprengsel: die württembergische Grafschaft Horburg und die Herrschaft Reichenweier oder die hessische Grafschaft Hanau-Lichtenberg, doch alles stand unter der Hoheit des Königs von Frankreich. Er residierte in seiner Hauptstadt Paris. In Südwestdeutschland dagegen gab es unzählige Residenzen. Und wenn Fürsten mit ihrer alten Hauptstadt nicht mehr zufrieden waren, gab es sogar zweite Residenzen (Heidelberg -> Mannheim, Durlach -> Karlsruhe, Stuttgart -> Ludwigsburg). So bot der deutsche Südwesten alle Formen der Herrschaft, die es im Deutschen Reich gab.

Der Kaiser und König regierte unmittelbar in den (vorder)österreichischen Territorien im Süden. Der Kurfürst von der Pfalz beherrschte den Rhein-Neckar-Raum und die Pfalz. Ein Herzogtum war Württemberg seit 1495. Den Titel Markgrafen führten die Badener seit 1061. Alle genannten Herrschenden hatten von alters her den Rang von Fürsten. Als Fürstentum wurden seit dem 18. Jahrhundert die umfangreichen Territorien der Fürstenberger bezeichnet. Die im einzelnen recht geschlossenen Gebiete lagen in der Baar, um Meßkirch, Heiligenberg und Stühlingen sowie im Kinzigtal. Residenz war seit dem 17. Jahrhundert Donaueschingen. Das Fürstenhaus der Fürstenberger blieb von Teilungen verschont.
Die Grafen und Schenken von Limpurg hatten ihre Herrschaft im Schwäbisch-Fränkischen Wald am Kocher aufgebaut. Schon vor dem Aussterben der Familie um 1700 war die Grafschaft in zahlreiche Linien zerfallen. Auch der Malefizschenk war ein Graf.

Mit dem hohen Adel gleichberechtigt waren die regierenden Herren der geistlichen Territorien. Bei den Bischöfen müssen wir unterscheiden zwischen dem kirchlichen Wirkungskreis (Diözese) und dem weltlichen Herrschaftsgebiet (Hochstift). Der Bischof von Speyer residierte nicht in der Reichsstadt Speyer, sondern seit 1371 in Philippsburg und seit dem 18. Jahrhundert in Bruchsal. Rechts des Rheins lag der größte Teil des Territoriums der Bischöfe.

Auf derselben Stufe standen die Gebiete mancher Klöster, z. B. einer großen Fürstpropstei wie Ellwangen. Auch eine kleine Abtei wie Petershausen bei Konstanz besaß rechtliche Selbständigkeit.

Wichtige Glieder, wenn auch nicht mit hochadligem Rang, waren die etwa 25 Reichsstädte, deren Hoheitsgebiet sich zum Teil nur auf die Stadt selbst beschränkte (z.B. Buchau), aber auch den Umfang eines größeren Territoriums erreichen konnte wie im Falle von Überlingen oder Ulm.

Eine besondere Gruppe, die wie die Reichsstädte ihre unmittelbare Beziehung zum Kaiser betonte, waren die Reichsritter aus dem niederen Adel, sie konnten ihre Selbständigkeit besonders am Rande der großen Territorien behaupten, z.B. im Kraichgau zwischen der Kurpfalz und Württemberg. Am westlichen Ende des Überlinger Sees saßen z.B. die Freiherren von Bodman.
Die Reichsritter sind ein Beispiel dafür, daß die kleinen Mächte des Zusammenschlusses bedurften. Es gab den Fränkischen, den Rheinischen und den Schwäbischen Ritterkreis, darin jeweils wieder sogenannte Kantone, etwa den Kanton Kraichgau oder den Kanton Ortenau.
Die Klöster schlossen sich innerhalb der Orden zu Gemeinschaften zusammen, etwa die Prämonstratenser in einer schwäbischen Zirkarie (Kreis).
Ein Versuch, diese schon seit dem Ende des Mittelalters bestehende Vielfalt zu ordnen, war die Bildung von Reichskreisen. Auch dieser Versuch blieb im Südwesten Stückwerk, weil neben dem fränkischen und dem schwäbischen Kreis, ja eigentlich innerhalb desselben, ein österreichischer Kreis entstand. Ebenso blieb die Reichsritterschaft außerhalb der Kreiseinteilung.
Immerhin boten die Kreistage wie auch die Reichstage eine Möglichkeit zur Regelung strittiger Angelegenheiten. Vieles blieb den oft Jahrzehnte dauernden Prozessen vor den Reichsgerichten überlassen.

Die Revolution in Frankreich und ein einzelner, Kaiser Napoleon, veränderten das Bild des Südwestens. Wer von den rund 350 selbständigen Herrschaften würde überleben? Die geistlichen Herrschaften kaum, weil sie schon seit Jahrzehnten als überlebt angegriffen wurden. Auch die Städte würden sich kaum halten können, weil selbst die großen unter ihnen spätestens seit dem Dreißigjährigen Krieg an Lebenskraft eingebüßt hatten. Welches von den größeren Territorien? Baden, Fürstenberg, Hohenlohe, Kurpfalz, Vorderösterreich, Württemberg?


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