Geschichte Baden-Württembergs

Calw 1634

Johann Valentin Andreä war während des Dreißigjährigen Krieges protestantischer Pfarrer in Calw. Er hat seine Erinnerungen in dem Buch "Ein schwäbischer Pfarrer im Dreißigjährigen Krieg" aufgeschrieben. Durch ihn wissen wir, was geschah, als sich der Krieg der Stadt näherte und sie schließlich erreichte.
"Mit der Niederlage bei Nördlingen begann unser Elend", schreibt Andreä. Man hatte erfahren, daß die Kaiserlichen bereits in Stuttgart und in Tübingen waren. Würden sie auch ins Nagoldtal kommen? Eine Verteidigung wäre unmöglich. Die Stadtmauern schützten zwar bei Nacht vor Diebsgesindel. Für eine Armee, die mit Kanonen anrückte, bedeuteten sie kaum ein Hindernis (Soldat mit Federhut).
Am 8.September 1634 verbreitete sich plötzlich das Gerücht, der Feind nähere sich. In der Stadt brach Panik aus, die Bürger drängten aus den Toren hinaus, wußten nicht. Wohin, und kehrten endlich in ihre Häuser zurück. Man hatte sich durch einen blinden Alarm erschrecken lassen. Aber tatsächlich konnte das Schlimmste nun jeden Tag eintreten.
Ein kleiner Teil der Bevölkerung schien sich allerdings überhaupt keine Sorgen zu machen. Andreä berichtet voll Entrüstung, daß allen voran der junge "geschniegelte und gebügelte" Stadtvogt sich mit Musik, Tanz und Spiel vergnügt habe, und daß man Leute beobachten konnte, die sich mitten auf dem Marktplatz schamlos betranken.
Am 10.September erfuhr Andreä, in Stuttgart seien protestantische Geistliche übel mißhandelt worden. Das stellte sich zwar später als unwahr heraus, aber der Pfarrer, der als ein besonders eifriger Glaubenskämpfer galt, fürchtete nun, die Katholischen könnten es auch auf ihn abgesehen haben. Er entschloß sich zu fliehen. Mit einer Anzahl Calwer Bürger flüchtete er in die Berge. Die Angst steckte ihm und seinen Begleitern wohl tief in den Knochen, sie mieden gute Straßen, um nicht feindlichen Reitern in die Hände zu laufen. Auf steilen, beschwerlichen Waldwegen stiegen sie bergauf und bergab. Mehrmals erschraken sie, wenn sie mitten in der Wildnis auf Menschen stießen. Aber jedesmal handelte es sich um Leute, die sich ebenfalls auf der Flucht befanden. "Wie Ameisen irrten wir miteinander zwischen Hügeln und Felsen umher", schreibt Andreä. Am Abend baten sie in einem einsamen Gehöft um Herberge. Der Bauer wollte die erschöpften Flüchtlinge nicht abweisen. Aber um Mitternacht weckte er sie ängstlich. Sie sollten jetzt weitergehen, sie könnten nicht länger bleiben.
Noch in der Dunkelheit gelangten sie auf eine Anhöhe, die einen weiten Blick über die nachtschwarzen Wälder erlaubte. Im Osten hatte sich der Himmel gerötet. Dort brannte Calw! Am nächsten Tag erreichten sie Gernsbach. Aber das Flößerstädtchen an der Murg bereitete ihnen einen bösen Emfang: "Wir hörten auf offener Gasse schreien: Man soll die Calwer Hunde totschlagen!"
Andreä fand endlich in einer Feldscheune im tief eingeschnittenen Lauterbachtal Zuflucht. Ein gutmütiger Waldbauer versorgte ihn mit Lebensmitteln.
Ende September erreichte den flüchtigen Pfarrer eine Nachricht aus Calw: Er solle nach Hause kommen, das Schlimmste sei überstanden, man brauche ihn. Voll Sorge machte er sich auf den Heimweg.
Von einem Lehrer namens Lenz, der in der Stadt ausgeharrt hatte, erfuhr Andreä, was geschehen war:
Bei den Truppen, die über die Stadt herfielen, handelte es sich um Bayern. Sie begannen sofort mit der Plünderung und mit Folterungen der Bürger, aus denen sie herauspressen wollten, wo sie Geld und Wertsachen versteckt hatten. Etliche, die nichts mehr verraten konnten, weil sie nichts mehr besaßen, wurden gefoltert, bis sie starben. Viele der Zurückgebliebenen versuchten jetzt, aus der Stadt zu entkommen; den jüngeren und flinkeren gelang die Flucht in den Wald.
In der Nacht setzten die Soldaten ihre Quälereien fort. Sie schreckten nicht davor zurück, Greise und Greisinnen zu martern. Möbel, Geschirr und was sie nicht mitnehmen konnten, zerschlugen sie. Die ganze Nacht hindurch waren die Schreie der Frauen und der Mädchen zu hören.
Am andern Tag zählte man 83 Tote in der Stadt. Das war kein Krieg mehr, das war nur noch ein Morden, Plündern, Rauben, Stehlen. Viele Häuser gingen in Flammen auf, nicht weniger als 450 brannten nieder.
Wie zum Hohn verkündete der feindliche Befehlshaber, Calw habe sofort 6000 Gulden aufzubringen, wenn es nicht durch Feuer vernichtet werden wolle. Eine Zahlung, die mit einer derartigen Drohung erpreßt wurde, nannte man Brandschatzung. Die ausgeplünderten Einwohner vermochten die geforderte Summe nicht zusammenzukratzen. Der Feind gab sich zunächst mit einer Teilzahlung zufrieden.
Natürlich fand Andreä auch sein Pfarrhaus so gut wie leergeräumt vor. Er hatte ein paar kostbare Bilder besessen, darunter Originale von Dürer, Cranach und Holbein. Sie waren alle verschwunden.
Die langfristigen Folgen der Plünderung und Zerstörung waren für die Stadt verheerend. Andreä hat sie beschrieben:
In dem einst wohlhabenden Calw war über Nacht die Armut eingekehrt. Die reichsten Bürger hatte das Schicksal am härtesten getroffen; ihre Häuser wurden vor allen andern leergeplündert. Andreä beobachtete aber auch, daß Leute, die gestern noch arm waren, plötzlich in teuren Kleidern umhergingen. Zornig schrieb er: "Was die Raubgier der Soldaten übriggelassen, das wurde diesen Habichten zuteil, die kurz vorher noch das Almosenbrot aßen."
Da Geld und Nahrungsmittel aus der ganzen Stadt so gut wie verschwunden waren, begann sehr schnell der Hunger. Und die vom Hunger geschwächten Menschen verloren ihre Widerstandskraft; Seuchen brachen aus. "So sah man die Leute wegsterben wie Mücken, und täglich wurden sechs, sieben und mehr Personen zu Grabe getragen."
Einem Freund schrieb Andreä: "Es waren unser 3831 (Einwohner) und jetzt sind wir noch 1528. ... Du weißt, daß all unser Wohlstand auf der Wollarbeit und auf der Färberei beruhte." Noch gab es mehr als 300 Meister in Calw und seiner Umgebung. Wann aber würden sie wieder arbeiten können? Das ganze Gewerbe drohte zu erliegen. 1200 Zeugmacher (Zeug = Textilien) und ebensoviel oder noch mehr Spinnereien in der Umgebung hingen von Calw ab. "Wenn Calw Hunger leidet, müssen die meisten derselben mit uns Hunger leiden," schrieb Andreä seinem Freund.
Der Hunger dauerte viele Monate. Innerhalb eines halben Jahres starben rund 800 Menschen in der Stadt. Als ob er sich selbst Mut machen wollte, schrieb der Pfarrer: "Wir leben und versehen den Gottesdienst."
Das Schicksal der Soldaten: Wer nicht in der Schlacht fiel, an einer Seuche starb oder von Bauern totgeschlagen wurde, der endete als Landstreicher, Bettler oder Krüppel.


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