Geschichte Baden-Württembergs

Der Aufstand der Stühlinger Bauern

Am 24.Juni 1524, am Johannistag, gab Gräfin Helena von Lupfen den Einwohnern von Stühlingen im Wutachtal den Auftrag, für sie Schneckenhäuschen zu sammeln. Sie wollte von ihren Mägden darauf Garn aufwickeln lassen. Dies war der Anlaß einer heftigen Entwicklung.
Der Auftrag der Gräfin steigerte nämlich den Zorn der Bauern. Sie waren im Stühlinger Raum wie auch in anderen Landschaften im Südwesten schon lange mit ihrer Herrschaft uneins. Die Bauern hatten angekündigt, daß sie nicht mehr gewillt waren, die althergebrachten Fronarbeiten und Dienste zu verrichten und die Abgaben aufzubringen. Die Bauern wollten wieder für sich selbst in den Wäldern jagen und in den Flüssen fischen, ohne dafür bestraft zu werden.
Die Bauern aus Stühlingen, Bonndorf, Ewattingen und weiteren Dörfern rotteten sich zusammen; sie zählten bald 1200 Mann. Am 23.August 1524 begaben sie sich in Richtung Waldshut, der vorderösterreichischen Stadt am Hochrhein. Waldshut selbst lag mit dem Kaiserhaus in Wien wegen der Reformation im Streit. Deshalb erhielten die aufständischen Bauern durch die Stadt Unterstützung und Aufnahme.
Der Anführer der Bauern war Hans Müller von Bulgenbach aus dem Hotzenwald. Als Landsknecht des Kaisers und als zeitweiliger Gefolgsmann von Herzog Ulrich von Württemberg brachte er Kriegserfahrung mit.
Von Waldshut aus marschierte der Stühlinger Bauernhaufe zum Nachbarort Tiengen. Dort sollte es mit dem Grafen Sigmund von Lupfen zu einer gütlichen Einigung kommen. Der Graf ritt jedoch vorzeitig ab, da er einer Auseinandersetzung mit den Bauern ausweichen wollte. So schwelte nach erfolgloser Belagerung des gräflichen Schlosses die Unruhe weiter.
Auch im Hegau, der Nachbarlandschaft des Klettgaus im Nordosten, kamen im September unzufriedene Bauern zusammen. Am Sonntag nach Michaelis (29.September) erklärten sie auf der Kirchweih in Hilzingen, daß sie wie die Stühlinger nicht mehr weiter die Ungerechtigkeiten ihrer Herren ertragen wollten. Die Hegauer Bauern begannen mit den Stühlinger Bauern zusammen unter Führung des Hans Müller ihren ersten Zug durch den südlichen Schwarzwald. Bis zu 3500 Bauern waren teilweise beieinander. Viele von ihnen legten auf ihrem sechstägigen Marsch bis zu 100 Kilometer zurück. Vom Wutachtal ausgehend, gelangten sie über Neustadt bis nach Furtwangen. Überall warben sie für ihre Sache und erklärten, warum sie unzufrieden waren und welche Forderungen sie an ihre Herren stellten. Es kam zu keinen Gewalttätigkeiten. Der Zug der Bauern brachte bei Graf Sigmund von Lupfen einen ersten Erfolg. Er lenkte ein und war mit einem Schiedsgericht einverstanden, das nach den Vorstellungen der Bauern besetzt werden und die strittigen Angelegenheiten behandeln sollte. Die Bauern brachen ihren Aufstand ab und zogen wieder nach Hause. Sie verpflichteten sich, bis zum Schiedsspruch des Gerichts allen auferlegten Aufgaben nachzukommen.
Nicht alle waren mit dieser Vereinbarung zufrieden. Für viele war zu wenig erreicht und der Glaube an Gerechtigkeit erschüttert. Zudem beanspruchten die Schwarzwälder Bauern aus den angrenzenden Gebieten für sich ebenfalls die Stühlinger Lösung, die ihnen allerdings verweigert wurde.
Die Verhandlungen des Schiedsgerichtes führten zu keinem Ergebnis. Auch 62 Beschwerdeartikel, die Stühlinger und andere Bauern beim Kammergericht in Esslingen vorlegen konnten, änderten die Lage nicht. Die Ungeduld der Bauern und ihre Wut über ihre Ohnmacht wuchs. Am 9.April 1525 versammelten sich die Bauern erneut. In Bonndorf im südlichen Schwarzwald begann dann der zweite große Marsch. Die Bauern kamen aus der Grafschaft Hauenstein am Hochrhein, aus dem Schwarzwald, aus Stühlingen, dem Klettgau und dem Hegau. Wieder war Hans Müller ihr Anführer. Er nannte sich Hauptmann des schwarzwälderischen und hegauischen Haufens.
Die Versammelten schlossen sich zu einer "christlichen Bruderschaft" zusammen. In einem Artikelbrief erklärten sie: "Ehrsame, weise, gewogene Herren, Freunde und liebe Nachbarn! Dem armen gemeinen Mann in Städten und Dörfern sind bisher von Geistlichen und Weltlichen, Herren und Obrigkeiten große Beschwerungen gegen Gott und alle Gerechtigkeit auferlegt worden. Solche Bürden und Beschwerungen will man nicht länger ertragen und erdulden; denn der gemeine Mann würde sich und seine Kindeskinder sonst an den Bettelstab bringen. Deshalb ist es das Vorhaben dieser christlichen Vereinigung, mit Gottes Hilfe sich frei zu machen; dies soll soweit als möglich ohne Kampf und Blutvergießen geschehen. Dazu ist es erforderlich, sich in allen gebührenden Dingen, die den gemeinen christlichen Nutzen betreffen und die in den beiliegenden Artikeln verzeichnet sind, brüderlich zusammenzuschließen." (Horst Buszello, Bundschuh zum dt. Bauernkrieg, Schöningh, Paderborn, 1979, S. 30)
Es kamen so viele Bauern zusammen, daß ein Chronist bemerkte: "Die Bauern liefen zusammen, als ob es schneite, aus allen Dörfern, keines ausgenommen." (Joseph Ruch, Geschichte der Stadt Waldshut, H. Zimmermann KG, Buchdruckerei Waldshut, 1966, S. 136)
Schließlich waren es bis zu 7000 Mann.
Von Bonndorf im Schwarzwald wandten sie sich zunächst ostwärts und erreichten die Hegauortschaften Engen und Aach; dann zogen sie über Deißlingen, Schwenningen, Donaueschingen wiederum nach Furtwangen, machten einen Umweg über Triberg und St.Georgen im Schwarzwald; darauf marschierten sie über die Klosterortschaften St.Märgen und St.Peter ins Dreisamtal. Am 13.Mai 1525 waren sie bei Kirchzarten. Dann belagerten sie die vorderösterreichische Stadt Freiburg. Den Stühlinger, Schwarzwälder und Hegauer Bauern schlossen sich weitere Bauernverbände an. Vom Süden kamen die Markgräfler, die das Johanniterschloß Heitersheim und das Kloster St.Trudpert im Münstertal geplündert hatten. Die Breisgauer griffen ein, nachdem sie Herrensitze um Staufen verwüstet hatten. Die Hachberger Bauern stießen mit den Ortenauer Bauern von Norden dazu. Am 17.Mai lagen um Freiburg etwa 12000 Mann. Sie alle hatten sich in den Maitagen des Jahres 1525 erhoben und das Land in ihre Hand gebracht.
Über den Schloßberg ließ Hans Müller Freiburg beschießen. Das Wasser der Straßenbäche leiteten die Belagerer ab, so daß Menschen und Tiere in der Stadt großen Durst litten. Die Bauern verwüsteten die Rebberge und zündeten Schlösser und Herrensitze rings um die Stadt an. Am 24. Mai öffneten die Stadtherren den Bauern ihre Tore.
Dies war der größte Erfolg des Stühlinger Bauernhaufens, dem allerdings nur kurze Dauer beschieden war.
Denn in der Zwischenzeit hatten das Heer des Schwäbischen Bundes schon die Aufstände der Bauern im Allgäu, am mittleren Neckar, im Kraichgau und in Nordbaden niedergeschlagen. Es befand sich nach erfolgreichem Kampf gegen die Bauern im fränkischen Raum schon wieder auf dem Rückweg nach Süden. In dieser Zeit säumten Tausende von erschlagenen, enthaupteten, gehängten Bauern den Weg des Bundesheeres.
Hans Müller blieb mit seinen Bauern nur einen Tag in Freiburg. Die Stadtherren geleiteten den Zug bis ins Dorf St.Georgen, das südlich von Freiburg liegt. Von dort marschierten die Aufständischen durch das Höllental nach Neustadt und weiter bis nach Radolfzell. Dort verstärkten sie das Bauernheer, das die Stadt belagerte. Obwohl Radolfzell von schließlich 10000 Mann eingeschlossen worden war, mußten die Bauern am 1.Juli 1525 die Belagerung aufgeben. Ein Heer von Söldnern Österreichs und des Schwäbischen Bundes rieb die Bauern in mehreren Gefechten auf. Sie waren dem ungleichen Kampf nicht gewachsen. Die Bauern hatten den Kugeln der Landsknechte nur "eichene Bengel" entgegenzuhalten, wie ein Chronist bemerkte: "Sie zerstoben wie wenn ein Wind in das Mehl fährt." 24 Dörfer gingen im Hegau in Flammen auf, viele Hunderte von Bauern wurden zu Tode geschlagen.
Hans Müller von Bulgenbach gelang zunächst die Flucht. Herzog Ulrich von Württemberg, der auf dem Hohentwiel die Rückkehr in sein Herzogtum vorbereitete, gewährte ihm in der Festung Unterschlupf. Aber der Bauernführer hielt es in dem Versteck nicht aus. Nochmals versuchte er ein Bauernheer aufzustellen, so in Schopfheim im Wiesental. Beim Versuch, sich von dort wieder in den Klettgau durchzupirschen, wurde er in Laufenburg, der vorderösterreichischen Stadt am Hochrhein, gefangengenommen. Nach 40 Tagen Kerkerhaft und Folterungen wurde Hans Müller am 12.August in Laufenburg vom Scharfrichter enthauptet.
Am 18.August mußten die Bauern die Kapitulationsurkunde unterschreiben, die ihnen von den Führern des Schwäbischen Bundes vorgelegt wurde. Der Aufstand der Stühlinger Bauern war, wie auch in den anderen Landschaften im Südwesten, gescheitert.


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