Geschichte Baden-Württembergs

Vorderösterreich und Kurpfalz
(16. Jahrhundert)

Vorderösterreich und Kurpfalz

Anders als die Markgrafschaft Baden und das Herzogtum Württemberg lagen Vorderösterreich und die Kurpfalz eher am Rande des südwestdeutschen Raumes.

Schon der Name Vorderösterreich läßt erkennen, daß dieses Territorium nur Teil eines großen Landes war, nämlich Österreichs. Die Zentrale lag weit entfernt - in Wien, zeitweise auch in Innsbruck. Im Südosten des deutschen Reiches, und zwar in Österreich und in Böhmen, hatten die Herren der österreichischen Länder ihre Besitzschwerpunkte. Ihre Heimat lag jedoch im Südwesten des Reiches. Die Habsburg - etwa 20 km südlich von Waldshut im schweizerischen Aargau - gab der Herrscherfamilie ihren Namen.
Ursprünglicher Kern der habsburgischen Länder im Südwesten waren die Stammgüter in der Nordschweiz, im Sundgau und im Oberelsaß. Dort, in Ensisheim, war bis 1651 der Sitz der Regierung. Dazu kam Schwäbisch-Österreich: die sogenannten Donaustädte Mengen, Munderkingen, Riedlingen, Saulgau und Waldsee (erworben 1282-1331), die Markgrafschaft Burgau (1302/04), die Grafschaft Berg mit Ehingen und Schelklingen (1346), die Grafschaft Hohenberg mit Rottenburg (1381), die Landgrafschaft Nellenburg (1465) und die Landvogtei Schwaben (1386/1541), Vorarlberg (14. Jahrhundert), der Breisgau (1478) mit Freiburg (1368; seit 1651 Regierungssitz), die Landvogtei Ortenau (1551/56) und die Grafschaft Tettnang (1780).
König Rudolf von Habsburg (1273-1291), der Begründer der habsburgischen Macht, und seine Nachfolger hatten ursprünglich versucht, für ihre Familie das Herzogtum Schwaben wieder aufzurichten, das 1268 mit Konradin, dem letzten staufischen Herzog von Schwaben, untergegangen war. Diesen Bestrebungen stand vor allem die Grafschaft Württemberg im Wege. Die Habsburger kamen selbst dann nicht zum Ziel, als von 1520 bis 1534 Württemberg vorübergehend unter österreichischer Verwaltung stand. Später hatte Schwäbisch-Österreich nur noch die Bedeutung einer Landbrücke zwischen Österreich und den habsburgischen Besitzungen im Elsaß. 1648 gingen die elsässischen Besitzungen, nach 1800 alle anderen am Rhein, im Schwarzwald und in Schwaben verloren. Nur Tirol und Vorarlberg sind bis heute ein Teil Österreichs geblieben. Von weitreichender Bedeutung war die Gründung der Universität Freiburg im Jahre 1457. In Vorderösterreich hatte die Reformation keine dauernde Wirkung. Das Land blieb katholisch.
Die ursprünglichen Gebiete der Kurpfalz lagen am Mittelrhein (Bacharach) und südlich der Mosel (Alzey) sowie am unteren Neckar (Heidelberg). Diese rheinische Pfalzgrafschaft übergab 1156 der Stauferkönig Barbarossa seinem Halbbruder Konrad. An die Staufer erinnert der Löwe im pfälzischen Wappen, heute auch im großen Landeswappen Baden-Württembergs. Der Pfalzgraf bei Rhein besaß eine Sonderstellung unter den weltlichen Fürsten. Er war Stellvertreter des Königs in dessen Abwesenheit und im Hofgericht. 1214 kam die Pfalzgrafschaft durch Erbschaft an die bayerischen Wittelsbacher. Deshalb war die Pfalz bis ins 20. Jahrhundert immer wieder mit Bayern verflochten. Vorübergehende Teilungen schwächten zuweilen die Herrschaft. Von 1356 an gehörte der Pfalzgraf endgültig zu den Fürsten, die den deutschen König zu "küren", d.h. zu wählen hatten. Er war jetzt ein Kurfürst, und deshalb heißt das Land Kurpfalz. Von 1400 bis 1410 war einer der Kurfürsten, Ruprecht von der Pfalz, sogar deutscher König.
Ähnlich wie das Haus Habsburg im Süden war der Kurfürst von der Pfalz auch zeitweise Widersacher der Grafen von Württemberg, ebenfalls der Markgrafen von Baden. Unter Kurfürst Friedrich dem Siegreichen (1449-1476) stand das Land auf dem Höhepunkt seiner Macht. Dessen Sieg bei Seckenheim 1462 über Graf Ulrich von Württemberg war der Anfang, ein vom Pfalzgrafen 1504 geführter Erbfolgekrieg das Ende dieser Blütezeit. Kurpfälzische Gründungen sind die Universität Heidelberg (1386) und die Stadt Mannheim (1606).
Eine Besonderheit der Kurpfalz war, daß dort die Reformation zwar zunächst der Lehre Luthers, seit der Mitte des 16. Jahrhunderts jedoch der Lehre des Genfer Reformators Calvin folgte. Nach einigen Schwankungen blieb die Kurpfalz zwar ein protestantisches, aber nicht ein "lutherisches", sondern ein "reformiertes" Fürstentum. Die 1821 gegründete evangelisch-protestantische Landeskirche in Baden ist wegen des kurpfälzischen Landesteils stärker als die württembergische vom reformierten Bekenntnis beeinflußt. Man nennt sie eine vereinigte, eine "unierte" Kirche.
Schwere Schäden erlitt die Kurpfalz, als 1688 bis 1697 der französische König Ludwig XIV. die Pfalz, auch Heidelberg, verwüsten ließ. Die Losung hieß "Verbrennt die Pfalz". Die Verlegung der Residenz nach Mannheim 1720 begründete den Aufstieg dieser Stadt und stellte vorübergehend Heidelberg in den Schatten. Die Neuordnung der Länder um 1800, zur Zeit Napoleons, überlebte die Kurpfalz nicht. Sie wurde unter Bayern, Hessen, Preußen und Baden aufgeteilt.
Die Habsburger waren fast ausschließlich im schwäbischen, die pfälzischen Kurfürsten nur vorübergehend außerhalb des fränkischen Stammesgebiets aktiv. Die Landvogtei im Elsaß wurde abwechselnd von der Pfalz (1408-1504, 1530-1558) und von Habsburg (13/14. Jh., 1504-1530) verwaltet. Erst die Markgrafen von Baden und die Grafen und Herzöge von Württemberg umfaßten mit ihren Territorien beide Stammesgebiete. Mit der politischen Neuordnung des Südwestens nach 1800 verschwanden Vorderösterreich und die Kurpfalz von der Landkarte.


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