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Im Jahre 1048 schrieb ein Reichenauer Mönch, der die Aufgabe hatte, alle
für das Kloster wichtigen Ereignisse in einer Chronik festzuhalten:
"Der Kaiser betrat unsere Reichenau und ließ am 24. April die neue Kirche
des heiligen Evangelisten Markus (Die Markuskirche,
der Westbau des Reichenauer Münsters), unseres Schutzheiligen,
die Abt Berno gebaut hatte, vom Konstanzer Bischof Dietrich weihen." (nach
Arno Borst, Mönche am Bodensee, Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1978,
S. 112)
Eine sehr knappe Notiz für einen so bedeutenden Besuch. Der da kam, war
immerhin der mächtigste Mann des Abendlandes, eine der kraftvollsten Herrschergestalten
des Mittelalters: Kaiser Heinrich III. (1039-1056). Wir haben kein Bild
von ihm, in jener Zeit porträtierte man Menschen nicht, auch dann nicht,
wenn sie Kronen trugen. Der Kaiser wird aber beschrieben: Ein Hüne mit
dunkler Haut und schwarzen Haaren, man nannte ihn den "schwarzen Heinrich"
Er galt als fromm, aber auch als streng; seine Feinde fürchteten seine
Härte. Er hatte bereits drei untaugliche Päpste vom Stuhl Petri vertrieben
und an ihrer Stelle würdigere Nachfolger eingesetzt. Wie seine Vorgänger
betrachtete er es als Aufgabe eines Kaisers, auch in der Kirche für Ordnung
zu sorgen.
Nun kam er also auf die Reichenau. Schade, daß uns der Mönch das Ereignis
nicht ausführlicher beschrieben hat! Einiges können wir uns ausmalen:
Abt Berno, der den hohen Gast empfing, war schon ein alter Mann und sterbenskrank.
Sicher konnte er den Feierlichkeiten an der Seite des Kaisers nur mit
großer Mühe beiwohnen. Aber er war zufrieden und dankte Gott, der ihm
die Gnade gewährt hatte, diesen Tag noch erleben zu dürfen. Der Kaiser
wird ihn mit Ehrerbietung behandelt haben. Vor neun Jahren hatte ihm Berno
einen langen Brief geschrieben und ihn ermahnt, die Kirche zu schützen,
gerecht zu sein und auch die Reichenau nicht zu vergessen. Solch ein Mann
war damals der Abt eines großen Klosters, daß er einem Kaiser ins Gewissen
reden durfte.
Wenige Wochen nach dem Besuch Heinrichs III. starb Abt Berno. Der Chronist
schrieb: "Um diese Zeit beschloß der Herr Abt Berno von Reichenau, ein
Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Sittlichkeit, im vierzigsten
Jahre seiner Amtszeit im hohen Greisenalter und durch Krankheit erschöpft
am 7. Juni seine Tage. Er ruht begraben in der Kirche des heiligen Markus."
(ebd. S. 112)
Als Markuskirche wurde der Westbau des Reichenauer Münsters bezeichnet.
Er steht heute noch.
Nicht weniger interessant als Kaiser und Abt ist der Chronist, der Mönch,
der die Geschehnisse aufgeschrieben hat. Sein Name: Hermann der Lahme.
Einer seiner Schüler, der Mönch Berthold, hat den ungewöhnlichen Mann
beschrieben:
"Seine Glieder waren auf so grausame Weise versteift, daß er sich von
der Stelle, an die man ihn setzte, nicht wegbewegen, nicht einmal auf
die andere Seite drehen konnte. Obwohl er auch an Mund, Zunge und Lippe
gelähmt war und nur gebrochene und schwer verständliche Worte langsam
hervorbringen konnte, war er seinen Schülern ein beredter und eifriger
Lehrer, munter und heiter in der Rede, in der Gegenrede äußerst schlagfertig,
zur Beantwortung von Fragen immer bereit. Stets glaubte dieser Mensch
ohne Tadel, sich alle Fähigkeiten aneignen zu müssen, ob er nun mit seinen
ebenfalls gekrümmten Fingern etwas Neues aufschrieb, ob er für sich oder
mit andern etwas Geschriebenes las, oder ob er sich mit ganzer Anspannung
an irgend eine nützliche oder notwendige Arbeit machte. ...Keiner verstand
wie er, Uhren zu machen, Musikinstrumente zu bauen, mechanische Arbeiten
auszuführen. Mit diesen und vielen andern Dingen, deren Aufzählung zu
lange dauern würde, beschäftigte er sich ständig, soweit es überhaupt
sein schwacher Körper zuließ." (zitiert nach Felix Berner, Baden-Württembergische
Portraits, Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart 1985, S. 27/28)
Die Zeitgenossen, die Mönche der Reichenau, Fürsten, Päpste und Kaiser
bewunderten ihn. Sein Ruhm ist bis auf den heutigen Tag nicht erloschen;
denn der so schwer behinderte Mann hat als Dichter, als Musiker, als Gelehrter
ein erstaunliches Werk hinterlassen. Noch immer werden Lieder gesungen,
die er komponiert hat. Wir verdanken ihm eine Weltgeschichte, die mit
Christus beginnt. Darin sind die Ereignisse zeitlich sehr viel zuverlässiger
eingeordnet als in älteren Chroniken.
Er studierte die Bewegungen der Himmelskörper, er schrieb ein Lehrbuch
der Geometrie.
Nur in einem Kloster war das alles möglich:
Nur in einem Kloster fand ein Gelehrter, was er für seine Studien benötigte:
Bücher, wissenschaftliche Schriften, Gespräche mit andern Gelehrten, Ruhe
zur Arbeit.
Nur in einem Kloster konnte ein fast völlig Gelähmter das Leben eines
Gelehrten führen. Er brauchte die helfenden Hände anderer Mönche und seiner
Schüler. Er konnte ja nicht einmal ein Buch aus einem Regal holen. Man
half ihm aber allezeit so gern, daß ihn sein Schicksal nie zu bedrücken
schien, daß er ein heiterer Mensch blieb. Im Kloster diente einer dem
andern, das gehörte zu den Regeln, die der heilige Benedikt den Mönchen
schon vor einem halben Jahrtausend gegeben hatte.
Die Reichenauer Mönche stammten aus adligen Familien, waren also von Haus
aus große Herren. Ist es nicht erstaunlich, daß sie freiwillig in ein
Kloster eintraten, in dem Dienen von ihnen verlangt wurde? Sie mußten
sich zu Armut und zu Keuschheit verpflichten, und sie hatten dem Abt unbedingt
zu gehorchen.
Offenbar war die Ordnung im Kloster für sie nicht bedrückend, sondern
wohltuend. Trotz aller Strenge war es eine sehr menschliche Ordnung. Das
empfinden wir, wenn wir von Hermann dem Lahmen lesen.
Wir verstehen auch, daß die Klöster des Mittelalters die eigentlichen
Stätten der Gelehrsamkeit und der Kunst waren. Zur Zeit Hermanns, im 11.
Jahrhundert, konnte außer den Mönchen kaum jemand lesen und schreiben.
Wir besitzen noch eine Reihe von Handschriften, die auf der Reichenau
entstanden sind: Millionenwerte. Malereien
schmückten die Texte. Aber allein schon die Buchstaben sind mit solcher
Liebe und Sorgfalt gemalt, daß man sie gerne betrachtet. Für ihre kunstvollen
Anfangsbuchstaben, die sogenannten Initialen, wurden die Reichenauer Mönche
berühmt.
Auch Hermann der Lahme stammt aus einem Adelsgeschlecht. Er wurde im Jahre
1013 als Sohn des schwäbischen Grafen Wolfrat von Altshausen (zwischen
Saulgau und Weingarten) geboren. Seine Mutter Hiltrud kümmerte sich besonders
liebevoll um das Sorgenkind. Man erkannte natürlich, daß der kleine Hermann
nie imstande sein werde, das Leben eines Ritters zu führen, aber es blieb
auch nicht verborgen, daß er einen ungewöhnlichen Verstand besaß. So brachten
ihn die Eltern schon als Siebenjährigen auf die Reichenau. Er verließ
die Insel nicht mehr bis zu seinem Lebensende. Mit etwa 30 Jahren wurde
er Mönch. Als er 1054 mit 41 Jahren starb, wurde er in das Haus seiner
Väter überführt und in der Familiengruft begraben.
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