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Vor rund hundert Jahren wurde ein Heidelberger Gelehrter namens Schoetensack
auf erstaunliche Knochenfunde aufmerksam: Im kleinen Dörfchen Mauer stieß
man beim Abbau von Kies und Sand immer wieder auf die Reste urzeitlicher
Tiere. Es handelte sich um Arten. die man in Süddeutschland nicht
vermuten würde: Säbelzahntiger, Löwen, Elefanten, Flußpferde, Nashörner
waren darunter.
Dr. Schoetensack begann, eifrig zu sammeln, was man ihm brachte und was
er selber entdeckte. Aber auf den Fund, der ihn am meisten beglückt hätte,
wartete er vergeblich: Menschliche Reste wollten in der Kiesgrube von
Mauer nicht auftauchen.
Zwanzig Jahre vergingen, man schrieb den 21. Oktober 1907, da öffnete
sich die Tür der Gastwirtschaft Hochschwendner in Mauer. Der Kiesgrubenarbeiter
Daniel Hartmann, genannt der "Sand-Daniel", kam herein und rief: "Heit
haw ich de Adam gfunne!" ("Heute habe ich den Adam gefunden!").
Tatsächlich hatte der Sand-Daniel am Fuße einer etwa 20 m hohen Kiesgrubenwand
etwas gefunden, was den Dr. Schoetensack in Begeisterung versetzte und
das Dorf Mauer berühmt machen sollte: einen menschlichen
Unterkiefer. Nur einen Unterkiefer, nicht mehr. Aber dieser Kiefer
bedeutete eine Sensation.
Dr. Schoetensack veröffentlichte schon ein Jahr später (1908) eine genaue
wissenschaftliche Beschreibung. Darin hieß es, hätte man einen Kiefer
ohne Zähne gefunden, wäre es nicht möglich gewesen, ihn als menschlich
zu erkennen: "Der absolut sichere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen
Teile zu tun haben, liegt lediglich in der Beschaffenheit des Gebisses."
Die Zähne der Menschenaffen, z.B. des Gorillas, unterscheiden sich deutlich
von den unsrigen, nicht aber diejenigen des Kiefers von Mauer. Das Wesen,
dem der seltsame Unterkiefer einst gehört hatte, war einwandfrei ein Mensch.
Dr. Schoetensack nannte ihn "Homo heidelbergensis",
Heidelberger Mensch.
Seltsam an diesem Unterkiefer erscheint zweierlei: die sehr breiten und
niederen Äste und das Fehlen einer Kinnspitze. Was läßt sich daraus
schließen? - Die niedrigen Äste weisen darauf hin, daß wohl das ganze
Gesicht niedrig gewesen ist. Der Mensch von Mauer wird auch eine etwas
anders geformte Mundhöhle gehabt haben als wir. Das Bilden mancher Laute,
vor allem der Konsonanten, muß ihm schwer gefallen sein. Er wird also
noch nicht über eine hochentwickelte Sprache verfügt haben.
Wann hat der Mensch von Mauer gelebt? Die Gelehrten konnten sich darüber
nicht ganz einig werden. Man schätzt das Alter des Kiefers auf rund eine
halbe Million Jahre! Wie kann ein Knochen eine so unvorstellbar lange
Zeit überstehen? Das ist damit zu erklären, daß die Sande, in denen er
eingebettet war, sehr viel Kalk enthalten.
Die Tiere, deren Reste man bei Mauer gefunden hat, waren zum großen Teil
Zeitgenossen unseres Homo heidelbergensis. Ob er auch schon imstande war,
sie zu jagen, ist schwer zu sagen. Der Mensch von Mauer wird sich wohl
mit Niederwild zufriedengegeben haben. Nicht zuletzt werden Beeren und
Waldfrüchte seine Nahrung gewesen sein.
Unsere Heimat trug damals lichte Mischwälder. Auch das verraten uns die
Knochenreste von Mauer, vor allem die Zähne des Elefanten und der Nashörner:
Die Backenzähne eignen sich nur zum Zerkauen von Laub, nicht aber von
Steppengras.
Wenn es aber Wälder gab, kann es nicht kalt gewesen sein. In den Eiszeiten
verschwinden die Bäume. Der Mensch von Mauer lebte somit in einer der
Warmzeiten, zu denen es während der letzten Million Jahre mehrmals gekommen
ist.
Am 24. Juli 1933 wurde, und zwar wieder in einer Kiesgrube, erneut eine
aufsehenerregende Entdeckung gemacht: Bei Steinheim an der Murr, einem
Nebenflüßchen des Neckars, grub man den recht gut erhaltenen Schädel
eines urzeitlichen Menschen aus. Jahrelange Untersuchungen begannen.
Die Wissenschaftler arbeiteten wie Kriminalisten, die einen schwierigen
Fall aufzuklären haben. Von wem stammte dieser Schädel?
Heute glaubt man, daß es sich um die Reste einer jungen Frau handelt,
die vor 250000 oder auch vor 300000 Jahren gelebt hat. Die Wülste über
den Augen deuten auf ein urmenschliches Aussehen hin. Aber im ganzen muß
dieser "Homo steinheimensis" dem heutigen Menschen schon recht ähnlich
gewesen sein. Fest steht, daß auch er wie der Mensch von Mauer in einer
Warmzeit gelebt hat. Das verraten die zahlreichen Tierreste, die ebenfalls
in der Kiesgrube von Steinheim gefunden worden sind. Sogar ein Wasserbüffel
ist darunter, ein Tier. das nur in sehr warmem Klima zu leben vermag.
Ein Glück, daß wir die vielen Höhlen der Schwäbischen Alb haben. Sie sind
die wichtigsten Fundorte für das Leben während der letzten Eiszeit. Wie
Schatzsucher drangen die Urgeschichtsforscher in diese unterirdische Welt
ein und führten unzählige Grabungen durch. Sie haben tatsächlich Schätze
zutage gefördert.
Menschliche Reste hat man allerdings bis jetzt nicht viele entdeckt. Einen
wichtigen Fund machte Professor Riek im Juli 1931: In der Vogelherdhöhle
(bei Stetten ob Lontal im Kreis Heidenheim) grub er einen Schädel mit
Unterkiefer. aber ohne Gesicht aus, ferner einen Oberarmknochen, zwei
Lendenwirbel und einen Mittelhandknochen. Er nannte diesen Fund "Stetten
I". Es kam nämlich noch ein zweiter, weniger gut erhaltener Schädel
zum Vorschein, den Riek als "Stetten II" bezeichnete.
Die beiden Menschen, von denen diese Reste stammen, scheinen nicht der
gleichen Zeit angehört zu haben.
"Stetten I", so glaubt man, könnte vor ungefähr 30000 Jahren gelebt haben,
während der letzten Eiszeit also. Kein Zweifel. was sein Äußeres betrifft,
so steht dieser Mann dem heutigen Menschen schon sehr nah und er unterscheidet
sich stark von den Zweifüßlern, die 30000, 40000, 50000 Jahre vor ihm
Süddeutschland und viele anderen Gegenden Europas bewohnt haben: von den
berühmten Neandertalern.
Das Kinn des Menschen von Stetten ist spitz wie das unsrige, über seinen
Augen wölben sich keine Wülste. Daß er seinem Vorgänger. dem Neandertaler,
geistig überlegen war, das beweisen seine Waffen und seine Werkzeuge:
Er verstand es, aus Knochensplittern Speerspitzen herzustellen: er bearbeitete
das Elfenbein der Mammutstoßzähne, und er schlug harte Steine zu außerordentlich
feinen Messern und Klingen zu.
Die Wissenschaftler nannten ihn Aurignac-Mensch (sprich Orinjak). Wir
werden ihn hier nur einfach Eiszeitjäger nennen.
In der Vogelherdhohle, dieser Schatzkammer der Urgeschichte, fand man
aber noch ganz andere Dinge: kleine Tierfiguren aus Elfenbein, nur fünf
bis sieben Zentimeter lang. Ein reizendes Wildpferdchen ist darunter,
ein Mammut, ein Höhlenlöwe. Sie gehören zu den ältesten Kunstwerken der
Welt: denn vorher hat der Mensch im südwestdeutschen Raum offenbar nicht
versucht, Lebewesen abzubilden. Woher unsere geschickten Eiszeitjäger
gekommen sind, weiß man nicht. Man darf jedoch nicht annehmen, die Eiszeitjäger
hätten das ganze Jahr über in Höhlen gehaust. Sie werden ihr Lager im
Sommer vielleicht an einem See aufgeschlagen und vom Fischfang gelebt
haben. Sicher wußten sie genau, wann die beste Zeit war, das Ren, den
Hirsch oder den Steinbock zu jagen. Sie wichen auch dem Mammut nicht aus.
Man nimmt an. daß sie für die riesigen Tiere Fallgruben aushoben, eine
mühsame Arbeit für Menschen, die nicht über eiserne Hacken, Spaten und
Schaufeln verfügten.
Den Bären werden sie nicht nur des Fleisches, sondern auch des warmen
Fells wegen gejagt haben. Sie lebten in der Eiszeit, sie brauchten Kleider.
Wer aber die Fundstellen besucht, etwa die Höhlen der Schwäbischen Alb,
der darf nicht vergessen, daß die Landschaft in der Eiszeit ganz anders
ausgesehen hat. Wenn unser Mann aus der Vogelherdhöhle die Alb hinaufstieg,
dann sah er im Süden die ungeheuren Eisfelder der Alpengletscher glitzern.
Die Albhöhe selbst war völlig kahl. Unten im Tal duckten sich Zwergbirken
und Krüppelkiefern. Ein rauhes Land! Und doch lebte hier eine artenreiche
Tierwelt. Es wuchsen Gräser und Kräuter genug, um das Mammut, das Wildpferd,
das Ren und andere Pflanzenfresser zu ernähren, und von ihnen wieder lebten
Löwen und Tiger - und nicht zuletzt der Mensch.
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